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KOLUMNE MAX GERMANN

17. November, 2017
Der geistige (Anlage)notstand

Hilfe, wir werden überflutet! Die Gletscher schmelzen. Alles fliesst bergab. Die Sosse sammelt sich im Mittelland, im Bogen zwischen Lac Léman und Bodensee, eingequetscht zwischen Alpen und Jura. Dort setzt sie sich ab und erstarrt als schaumstoffverkrustete minergieverseuchte, luftdichte, schallisolierte, brandgeschütze, idiotensichere Wohnlandschaft für Sparer: Vorsorgesparer, Bausparer, Energiesparer, Kaloriensparer, Strom- Wasser- und Benzinsparer.

Nichts geht mehr, alles ist knapp geworden und überall muss gespart werden. Vor allem beim Boden. Dieser ist rar, weil das viele Angesparte ja irgendwo sicher angelegt werden will: In Anlageobjekten. Diese unterliegen wiederum dem Gesetz der knappen Mittel und der Sparsamkeit, damit noch etwas übrig bleibt für noch mehr Anlageobjekte. Die Kloake ist nun langsam verstopft und die lichtdurchfluteten Räume beginnen - wie alles nach der Flut - zu stinken.

Aber die Schuldigen sind identifiziert. Es sind die drei letzten Bewohner der Alpen, die ihre Landschaft nicht dem alleinigen Zweck der sonntäglichen Familienidylle, SUV-Ausfahrt, Biketour und Hundeversäuberung für Kloakenbewohner vorenthalten wollen, sondern zum Überleben am angestammten Ort dem Bau einiger Zweitwohnungen widmen möchten. Gemessen am Zerstörungswahnsinn, der über das Mittelland gefegt ist, sind das zwar bloss ein paar homöopathische Nadelstiche, aber sie eignen sich exzellent um vom drohenden geistigen Bankrott abzulenken. Das ist purer Kolonialismus in einem Land, das die Bezeichnung "Neger" unter Strafe stellt und gleichzeitig Reservate baut.

13. Februar, 2017
Verwaltungsleerlauf

Gehören Sie auch zu den glücklichen "nach dem Zufallsprinzip" ausgewählten Personen, die vom Bundesamt für Statistik einen achtseitigen Fragebogen zur Strukturerhebung zugestellt erhielten? Mir passiert das nun schon zum vierten Mal. Komische Zufälle soll es ja geben, zum Beispiel auch jenen, dass das Amt halt "zufällig" den einfachsten Weg wählt. Ob ich als zufällig Auserkorener die Fragen überhaupt beantworten will, werde ich dann allerdings nicht gefragt. Stattdessen wird ein Gesetz zitiert, das mich dazu verpflichtet. Im Unterlassungsfall droht Strafe!

Nun habe ich als Proband ja nichts dagegen, den beflissenen Beamten Rede und Antwort zu stehen und füge mich meiner staatsbürgerlichen Pflicht. Vielleicht bin ich ja "zufälligerweise" auch der Einzige, der befragt wird.  Nachdem ich bestätigen soll, ob noch jemand in meinem Haushalt einen solchen Fragebogen erhalten habe, überlege ich mir, ob die im Bundesamt das den nicht selber wissen, schliesslich verschicken ja sie die Post und nicht ich. Soll ich zuhause jetzt eine Umfrage starten? Dabei interessiert sich das Amt auch, in welcher Sprache ich rede und denke und es macht gleich ein paar Vorschläge. Albanisch zum Beispiel. Ich denke oft in Albanisch, aber ich verstehe es leider nicht. Wahrscheinlich habe ich das mit den Erfindern dieses Fragebogens gemeinsam. Wieso das Amt nicht weiss, welcher Konfession ich angehöre ist mir ebenfalls schleierhaft, schliesslich zahle ich Kirchensteuern und bin in x Registern erfasst. die endgültige Erleuchtung überfallt mich dann aber, wenn mich der Fragebogen belehrt, dass ich offenbar erwerbstätig bin. Dort steht nämlich schwarz auf weiss zu lesen, dass erwerbstätig sei, wer mindestens eine Stunde pro Woche einer bezahlten Arbeit nachgehe. Das hat mir gerade noch gefehlt! Wahrscheinlich suchen sie in ihrem Amt noch Mitarbeiter. So geht die Fragerei fort! Ich darf dann auch noch beantworten, ob ich mit einer Ehefrau in einem Haushalt leben, welche AHV-Nummer sie denn gerade habe und in welcher Sprache diese Ehefrau denke. Das weiss ICH doch nicht und das geht mich auch nichts an, auch wenn ich manchmal das Gefühl habe, es sei byzantinisch. Das nächste Mal -  ich freue mich schon auf den fünften Zufall - muss ich denen wohl auch noch melden, WAS sie denkt und spätestens hier wird es mir unheimlich. Wahrscheinlich ist per Definition auch denkfähig, wer sein Gehirn mindestens für eine Stunde pro Woche einschaltet. Ich weiss nicht, wieviel überflüssiges Geld unser Staat hat, um solchen Schwachsinn zusammenzufragen. Es ist zu befürchten, dass die Politik auch hier kaum weiss, was ihre Verwaltung so treibt und im Falle der Statistik spielt das ja auch keine Rolle. Aus meinen Antworten können sie dort auf jeden Fall entnehmen, dass ich mindestens eine Stunde pro Woche arbeite, mit einer weiteren Person in einem Haushalt leben und nicht immer in der gleichen Sprache denke, wie diese. Nützen tut dies keinem, aber Hauptsache, die Verwaltung ist beschäftigt - wenigstens eine Stunde pro Woche! Übrigens, wussten Sie schon, dass der Mensch laut Statistik während seinem Leben ungefähr drei Jahre lang isst? Allen die verhungert sind, hat das leider nichts geholfen.

16. Januar, 2017
Campus

Die Schule, das war einmal. Wissensvermittlung als Frontalunterricht, einfache didaktische Hilfsmittel und ein Schulhaus, wenn möglich mitten im Quartier. Ein Schulhof, eine Turnhalle mit Pausenhof drumherum und wenn es gut ging, noch eine Spielwiese. Aus diesem einfachen Konzept entstanden bauliche - städtebauliche Archetypen. Primarschulen, Sekundarschulen, Werkschulen, Gymnasien. Wer würde sie nicht sofort erkennen, die Schulhäuser aus der Zeit, als noch Lehrer für den Unterricht verantwortlich waren und die Schüler, eingeteilt in festen Klassen in diese Schulhäuser zum Unterricht kamen! Die Konzepte haben sich inzwischen gewaltig verändert, die Lerngefässe sind durchlässig geworden, die didaktischen Mittel unermesslich, globalisiert, digitalisiert und jederzeit überall verfügbar. Geblieben sind die Schulhäuser mit ihren Standorten inmitten der Siedlungen. Die älteren unter ihnen erfreuen sich sogar immer noch grosser Beliebtheit. Sie sind Zeugen eines Systems, das die Schule als Institution verstand, die sich und ihren Auftrag selber definierte und ihre bauliche Ausdrucksform in ein paar wenigen Gebäudetypen fand, die sich ihrerseits durch grosse Flexibilität auszeichneten ohne an Identität zu verlieren. In der Folge wurde die Volksschule mit der Frage der Durchlässigkeit zwischen den einzelnen Leistungsstufen konfrontiert. Zugleich geriet das Bildungswesen in die Fänge der öffentlichen Verwaltungen. Sowohl die Schulen, als auch die Schulhäuser werden heute durch Beamte permanent neu erfunden, geführt und verwaltet. Die Revisionen jagen sich und die zahlreichen Pilotprojekte handeln nur vom Abheben und nie vom Landen. Vermeintlicher Leistungsdruck äussert sich in inflationär wachsenden exotischen Lernzielen, die sich alle an den alten Kernkompetenzen der Schule - Lesen - Schreiben - Rechnen vorbeimogeln und zu einem rasanten Qualitätsabbau der Grundsubstanz führen. Leistungsstufen werden dahingehend aufgeweicht, dass sie den Starken das Lernen im Klassenverband verleiden und den Schwachen, die gar nicht dorthin gehören, garantiert verunmöglichen, jemals unter Kameraden zu brillieren. Konflikte häufen sich, Lehrpersonen, die sich auch als Wissenvermittler verstehen, werden abgestraft und zusehends in eine Rolle als Aufpasser oder Zoowärter gedrängt, wenn sie denn nicht grade Statistiken und Berichte erstellen müssen, damit der Verwaltungsmoloch genug zu verwalten hat. Das System hat Schaden genommen. Downgrading ist angesagt. Das Geschwurbel der Linken hat das Bildungssystem, das einst zu den besten der Welt gehörte, unterwandet und niemand hat dem entgegen gehalten. Sie sitzen heute an den Schalthebeln und ergehen sich in ihrer Verwaltungspositionen als vermeintliche Auguren der gesellschaftlichen Grundentwicklung in Selbstgefälligkeit und elitärem Gehabe. Das Unbehagen, das sich gegenüber dieser schleichenden Systemunterwanderung seit einigen Jahren breitmacht, wächst zunehmend schneller. Die Nutzniesser dieses Systems sind aber bereits in der Überzahl und es lässt sich von innen heraus nicht mehr ändern. Nun leben wir in der Schweiz aber nicht in einer Gesellschaft, die sich rauft, sondern arrangiert. Wir haben genug Geld dazu. So ist es nicht verwunderlich, dass diese Entwicklung auf der Gegenseite zu alternativen Konzepten führt. Privatschulen, die vor drei Jahrzehnten noch belächelt wurden, gewinnen an Terrain und Ansehen und ihre Zahl wächst rasant. Sie sind nicht auf das Diktat der staatlichen Gleichmacher angewiesen und haben in der Ausgestaltung ihrer Profile wesentlich grössere Freiheiten. Das äussert sich in vielfältigen pädagogischen Konzepten, Zielsetzungen und Anforderungen, aber es äussert sich auch in angepassten Schulbauten, Schulkonzepten und sogar Schulorten. Die Vielfalt wird wachsen. Der Campus ist eine mögliche - durchaus nicht neue - Antwort. Das befeuert die Diskussion um die angemessene bauliche Form der Schule, die nicht weiter einem einheitlichen typologischen Muster folgen muss. Für die Baukultur sind das neue, sehr interessante Perspektiven. Für das Bildungssystem ist es hingegen der Weg in eine Zweiklassengesellschaft: Der Schwache, der durch ein Upgrading zum Nulltarif gestützt werden soll, wird für die höhere Leistungsklasse zur Norm, dem Starken bleibt nur die Flucht in die massgeschneiderte Privatschule. Die Bauwirtschaft soll's freuen, aber im Grund genommen geht der Schuss nach hinten los - leider. 

14. September, 2015
Schmierereien

Es ist ein Ärgernis, wenn Hauswände und öffentliche Anlagen mit Schmierereien aller Art bekleckert werden und es ist nur richtig, wenn die Täter an die Kasse kommen. Aber auch mit den Schmierern ist es wie überall: Die Kleinen werden belangt, die Grossen lässt man laufen. Wer unseren öffentlichen Raum nämlich etwas distanziert betrachtet, entdeckt bald, dass das ganze grosse Geschmier von staatlichen Institutionen, genannt Tiefbauämter, unter dem Deckmantel der Verkehrssicherheit veranstaltet wird. Kein Platz, kein Raum, keine Strasse, die nicht auf obszönste Art mit den grässlichen Farben beschmiert und in immer kürzeren Intervallen auch noch "umbeschmiert" würde. Ein Wald von Tafeln hilft auch noch bei der Interpretation der Werke.  Ein Staatswesen in der Spätdekadenz. Zur Bevormundung des Bürgers fliessen die Steuergelder im abartigen Übermass, sodass es eine Truppe von hoch bezahlten Sicherheitsaposteln braucht, die das letzte Restchen Schönheit, das sich unsere Ortsbilder bewahrt haben bis zur Unkenntlichkeit verkleckert. Dass diese Farbkakophonie letztlich ablenkt und das Unfallrisiko erhöht, sei hier einfach einmal behauptet. Schlimm übrigens, wie sich diese Spezies ansteckt.  Ruhe sie in Frieden, die Selbstverantwortung des Verkehrsteilnehmers und möge sich der Heimatschutz weiterhin auf die kleinen Täter stürzen, damit die amtliche Verunstaltung unserer Städte und Dörfer ihr Deckblatt behält. Bleibt die Frage, wer denn hier eines fernen Tages die Kosten für die Schadensbehebung trägt. Sie ahnen es: Einmal mehr der Steuerzahler. Übrigens, das wär doch was: Vorsteher des Amtes für die Behebung amtlich verursachter Schäden! Dienstwagen inbegriffen. 

06. Mai, 2015
Einleitung von Max Germann, Präsident CRB, Zur 53. Generalversammlung in Zürich

Wie alle ist CRB der Auffassung, man sei im Wandel begriffen. Wandel vom Verlag zum IT-Unternehmen, Wandel vom Verein zum Dienstleistungsbetrieb, Wandel vom Monopolisten zur Drehscheibe, usw., usf. Alle behaupten derzeit von sich, sie seien im Wandel. Dazu gibt es auch genügend Leerformeln, die vom Rasten bis zum Rosten reichen oder in Namen wie Panta Rhei gipfeln, die uns mindestens vor Augen geführt haben, dass die Schiffsbaukunst noch Potenzial aufweist.  Der Wandel aber, der hat uns doch immer schon begleitet! Erinnern Sie sich noch an die grünen Formulare, die als Grundlage für die Mengenerfassung und die Erstellung eines NPK dienten? Man hat sie jeweils von Hand ausgefüllt und dann einem Verarbeiter gegeben, resp. ans CRB geschickt, das daraus vielleicht mit einem PC jeweils ein LV machte. Wenn Sie sich tatsächlich erinnern, dann sind Sie schon ziemlich alt und Sie denken sicher auch an den grossen Wandel zurück, den die erste Version des NPK auf Datenträgern mit sich brachte. Das Zeitalter der Disketten war angebrochen und mit dem Einlesen des vollständigen NPK verbrauchte man garantiert eine Tagesration Kalorien. Er kostete in seiner Erstanschaffung allerdings auch etwa 12'000 Franken. Inklusive Papierversion, exklusive Platzbedarf im Bücherregal. Er war trotzdem ein Fortschritt und er verlangte einen Wandel im Anwenderverhalten. Diese Schilderung ist einseitig. Sie ist die CRB Wahrnehmung des Wandels. Genauso, wie den meisten, die sich im Wandel wähnen, ein wenig abgeht, dass sich die Welt um sie herum wesentlich stärker wandelt als sie selber. Das war auch in diesem Fall so:  Gewandelt hat sich nämlich vor allem die Technologie in der Datenverarbeitung und der Datenspeicherung. Ohne sie hätte sich keiner berufen gefühlt, bei der Leistungsbeschreibung etwas zu verändern. Obwohl sich dieser Wandel über mehrere Technologiegenerationen hinzog, war er bis zur Einführung des Worldwide Web aber zugleich auch kein Wandel, weil es bis dahin eine sehr ausgeprägte Punkt zu Punktverbindung war, die der Kommunikation zugrunde lag. Dahinter stand das bisher wenig hinterfragte Bild der Einbahnstrasse: Hier wird ausgeschrieben und definiert und dort wird kalkuliert und gebaut. Das steckt bis heute noch sehr tief im Selbstverständnis und im Berufsbild von uns Planern und es prägt bis heute unsere Verhaltensmuster, unser Berufsbild, aber auch unsere Vertragsmodelle. Nehmen wir nur einmal SIA 102 mit ihrem klaren, linearen Prozessablauf! Glücklich ist der, der nach diesem Modell arbeiten kann. Wenn er es denn befolgen darf, wenn man ihn denn lässt! Ja dann wird er seinen Auftrag zum Erfolg führen. Nun hat der Teufel neben dem Kirchengesang und den Kommaregeln aber noch das Internet erfunden. Damit sind die linearen Kommunikationsmodelle aufgebrochen. Plötzlich zerren gleichzeitig alle Beteiligten, willkommene und unwillkommene, am Karren und sie zerren nicht in dieselbe Richtung und nicht am selben Strick.  Das ginge noch, wenn es eine einzige anerkannte Sammlung von Spielregeln gäbe, die den Ablauf eines Planungsprozesses regeln, aber auch hier hat sich die Welt gewandelt. Das Wissen ist nicht mehr an einem einzigen Ort - vorzugsweise natürlich im Kopf des Architekten -  versammelt, es ist überall und es bezieht sich niemals mehr auf eine Wahrheit, die ein Ganzes abbildet. Es sind immer Teilwahrheiten, die durchaus stimmen mögen, die sich aber auch ausschliessen oder bekämpfen und die sich auf die unterschiedlichsten Phasen einer Projektumsetzung beziehen. Wer hat hier das Sagen, wer wählt aus? Wann? Der Planer? Der Bauherr? Die NGOs? Die Verwaltungsbürokratie? Mit der Globalisierung ist das kollektive Wissen weltumspannend und damit uferlos geworden und es kann nicht einfach in regional gültige Anwendungsmodelle eingebettet werden. Es erneuert sich zudem rasant und erzeugt durch Kombination neues Wissen, das oftmals seinen Ursprung in Frage stellt. Das Internet hat diese Wissensfülle zudem simultan, in Echtzeit und unabhängig vom Ort zugänglich gemacht. Damit ist nicht nur das Wissen selber, sondern auch der Wissensaustausch dynamisch geworden. Es gibt keinen Anspruch auf allein gültige Spielregeln mehr. Je nach Kombination lauten sie anders. Sie definieren sich weitgehend selber und machen an keinen Grenzen mehr Halt, weil es keine Grenzen mehr gibt. CRB steht mitten in diesem wunderbaren globalen Chaos und wird in Zukunft viel stärker mit gleichzeitig geltenden widersprüchlichen Wahrheiten und Verhaltensmustern konfrontiert sein. Hierbei kann es nicht länger darum gehen, möglichst Vieles zu regeln, zu speichern und zu normieren, sondern Strukturen zu schaffen, die den Austausch, die Gruppierung und das vernünftige Zusammenspiel von Wissen für spezifische Aufgaben und Gruppen von Wissensträgern ermöglichen, und die es auch zulassen, dass Richtig und Falsch nicht immer richtig und falsch sind. Das fordert CRB heraus, aber es fordert auch die Planer, die aufgerufen sind, sich nicht in dem Elfenbeinturm des Bildchenmalens zu verkrümeln, sondern sich der zentralen Rolle des Ingenieurs und des Architekten wieder vermehrt zuzuwenden und als kompetente Moderatoren des Fachwissens im Dienste ihrer Projekte aufzutreten. Auch wenn das anstrengt und Schweiss treibt. 

24. März, 2015
Wettbewerb Kantonsspital Uri

Urner Architekten müssen draussen bleiben Wettbewerb muss sein, Wettbewerb erhält fit. Die Urner Architekten haben beim Spitalwettbewerb aber keine Chance. Die einheimischen Büros, die sich um eine Teilnahme beworben haben, wurden nicht zugelassen. Zusammen vereinigen sie über 100 Arbeitsplätze und sie können auch Spitalbauten in ihrem Portfolio nachweisen. Ausserdem haben sie sich mit erstklassigen Spitalplanern zusammengetan. Ausgewählt wurden nun Büros aus Zürich, Luzern und Basel, die alle mehr und grössere und offenbar architektonisch überzeugendere Spitäler oder "vergleichbare Bauwerke" gebaut haben. Ganz korrekt, nichts einzuwenden. Höchstens die Frage, was das dem Kanton Uri nützt. Für die Urner Firmen ist es bitter, sich zum Standort zu bekennen, Arbeitsplätze zu sichern, Nachwuchskräfte auszubilden, Steuern zu bezahlen um dann, wenn das Gemeinwesen einmal einen etwas grösseren Auftrag zu vergeben hat, nicht einmal die Gelegenheit zu erhalten, einen Wettbewerbsbeitrag abzuliefern. Das macht betroffen und es war schon einmal so. Keiner der Bewerber stellt Ansprüche auf einen Auftrag, sondern lediglich auf eine Chance zur Wettbewerbsteilnahme. Sie kostet einen Teilnehmer 50 bis 80'000 Franken. Nicht einmal das darf sein. Man will gar nicht wissen, was die eigenen Leute können. Die Übungsanlage war auch darauf ausgelegt, was allerdings nicht zwingend so hätte sein müssen. Es ist eine Frage des Willens, der Umsicht beim Umgang mit den Kriterien und letztlich der Wertschätzung gegenüber den ortsansässigen Betrieben. Diese Botschaft ist hochpolitisch und sie hat eine starke Signalwirkung. Für die Urner Büros ist es extrem schwierig, qualifizierte Nachwuchskräfte zu finden. Das hat auch mit der Attraktivität der Aufträge zu tun, die sie am Ort bearbeiten dürfen. Mit diesem Entscheid macht das offizielle Uri den jungen Berufsleuten und Nachwuchskräften nun vor allem eins klar: Haut ab! Verschwindet, so rasch wie möglich, fort in die Zentren! Hier in Uri gestalten wir die Buswartehäuschen, die Verkehrsinselchen und die Vordächli. No Future here, get lost! Bravo.  Das Ganze hat auch eine gute Seite: Nur so kann sich auch weiterhin alles im Kreise drehen. Die politische Kaste richtet's trefflich ein und gleicht den brain drain wunderbar aus. Das potenzielle Bisschen eigene Wirtschaftskraft wird zwar zum Vornherein verheizt, aber Uri kann sich das leisten, denn mit glänzenden Äuglein werden Jahr für Jahr die Almosen aus dem Finanzausgleich entgegengenommen, die helfen, hier die beste aller möglichen Welten zu erhalten. Das jüngste Gezeter im Ständerat hat es einmal mehr gezeigt. Nicket und danket alle! Max Germann

12. November, 2014
Die Internationale Vereinbarung über die Harmonisierung der Baubegriffe. Oder wie der Berg unter schrecklichen wehen eine Maus gebar...

Nun, um es gleich vorweg zu nehmen, ein Mäuslein, eine Minimaus ein winziges Nichts aus dem Nanobereich. Heisse Luft, Hauptsache es hat was gekostet. Das Leben ist schön, vor allem wenn es harmonisiert ist. Es ist richtig. Nach gut schweizerischer Manier definiert bei uns jede Gemeinde ihre Baureglemente selber. Das gilt für Zürich gleichermassen wie für Sisikon. Wer bauen will, muss sich jedesmal neu in die Sitten und Gepflogenheiten der Standortgemeinde einlesen und sich ein Bild darüber verschaffen, was z.B. die Walliser unter einer Gebäudelänge verstehen, weil sie im Kanton St. Gallen damit vielleicht etwas Anderes meinen könnten - aber was denn bloss? Meinen die im Wallis vielleicht "Höhe" sagen aber immer "Länge"? Das tut ja gar nicht so weh, weil unser Differenzierungsvermögen nach der Abschaffung des Akkusativs sowieso verkümmert ist, und in der Bauwirtschaft sind wir uns ja auch gewohnt, dass sowieso alles zwei-  bis dreimal gemacht werden muss, bis es stimmt. Ein Segen also, dass sich Politiker und Verwaltungen mangels echten Problemen dazu berufen fühlen, gute Taten zu tun und dieser Artenvielfalt Einhalt zu gebieten. Es hat Jahre gebraucht und wäre mehrmals fast gescheitert (welch ein Verlust!) bis dann eine Vereinbarung unter Konkordatskantonen (es sind immer noch nicht alle dabei) verabschiedet werden konnte. Und dazu gleich auch noch die entsprechenden Verordnungen auf eidgenössischer kantonaler und kommunaler Ebene und Zeichnungen für die Dummen, die das geschriebene Wort nicht verstehen oder noch viel schlimmer, Zeichnungen, weil es nicht gelungen ist, zu formulieren, was denn mit soviel Harmonie eigentlich gemeint ist. Gearbeitet haben daran natürlich vor allem Juristen und Leute aus der Verwaltung, auf alle Fälle harmoniebedürftige Menschen. Die Schweiz ist gerettet! Endlich wissen wir, dass ein Gebäude eine "ortsfeste Baute ist, die zum Schutz von Menschen und Tieren oder Sachen eine feste Überdachung und in der Regel weitere Abschlüsse aufweist" Aha, bravo, eine intellektuelle Leistung sondergleichen. Die Serie dieses unnötigen und überflüssigen Wahnsinns lässt sich verlängern, aber lassen wir das. Vielleicht steht ja eine legitime Absicht hinter dem Ganzen. Man wäre manchmal tatsächlich erleichtert, wenn sich gewisse Begriffe ein wenig gleichen würden. Aber genau das schafft dieses Werk ja nicht. Bauhöhen - ein Zankthema sondergleichen - werden auf das "massgebende Terrain" referenziert, das als "gewachsener Geländeverlauf" deklariert wird. Wie der aber gemessen wird, steht nirgends. In der Hausmitte? auf den einzelnen Fassaden? unter der ganzen Standfläche? (wir planen gerade ein 240 m langes Gebäude). In irgend einer Hilfsverordnung eines Kantons heisst es dazu nur, das sei oftmals ein recht schwieriges Thema und man möge doch von der Behörde eine fallweise Feststellung der massgebenden Terrainhöhe machen lassen....Und das alles dann in wahrhafter Harmonie und an jedem Ort, nein, sogar für jeden Bauplatz separat. Manchmal glaubt man zu spinnen. Es gehört zu den Kernkompetenzen eines mittelmässig intelligenten Architekten, sich in Baureglementen zurecht zu finden und damit auch eine erste kulturelle Annäherung an den Standort seiner Baute zu vollziehen. Nun muss er sich unter dem Titel "Harmonisierung" mit Definitionen herumschlagen, die sicherlich nicht im Kopf einer Person entstanden sind, die jemals ein Haus geplant oder gebaut hat und die jemals mit offenen Augen durch die Welt gegangen ist. Dass der Verwaltungs- und Reglementierungszoo dabei kein griffiges Produkt hervorgebracht hat, war nicht anders zu erwarten. Bedenklich stimmt einmal mehr, dass die Politiker - weil schon unter Zeitdruck und unterwegs zum nächsten Geschäft - erfreut dazu nicken und dies im Glauben, eine weitere gute Tat vollbracht zu haben. Der Himmel wird's ihnen lohnen. Ein Grund mehr, in die Hölle zu kommen.

28. Juli, 2014
Benedikt Loderers Feindbild, die Hüslischweiz: Lob sei ihr!

Die Schweiz ist zersiedelt, der Raum wird knapp, die Gegend ist verstellt durch Bauten. Das verkünden uns - den paar übriggebliebenen Landeiern - vor allem die Städter und sie haben recht. Ein besonders vehementer Vertreter dieser Feststellung ist der Architekturkritiker Benedikt Loderer. Ihm sticht vor allem ins Auge, dass die Landschaft von Hüsliweiden zerfressen wird. Das Hüsli im Halbgrünen als des Schweizers Traum wird zur Bedrohung der Landschaft erhoben, zum Massenphänomen, zum Moloch, der den verblieben Restraum frisst.  Aber Hand aufs Herz, Benedikt Loderer, welcher Schweizer träumt denn noch vom Hüsli? Welcher Raum zwischen Autobahnen, Stromleitungen, schrill bemalten Velowegen, Hochleistungsbahntrassen, Einkaufszentren, Freizeitparks, Fitnessoasen und endlosen Halden von Gewerbebauten soll denn noch vor dem Hüsli geschützt werden? Der Schweizer träumt von etwas ganz anderem, nämlich von gesicherten Pensionsgeldern und hohen Börsenrenditen und solche lassen sich bekanntlich durch so genannte Anlageobjekte am besten sicherstellen. Hier einige Tonnen lichtdurchflutete Eigentumswohnungen, dort ein paar Dutzend exklusiver unverbaubarer Fernsichten und das möglichst flächendeckend und in Stadtnähe, gut erschlossen natürlich, durch eine Auswahlsendung an verschiedenen Verkehrsträgern und schon dreht sich das Rad einer ganzen Industrie an deren rentablem Tropf wir letztlich alle hängen. Um die Nachfrage brauchen wir uns ebenfalls nicht zu sorgen, sie wird durch die Zuzüger aus dem Ausland sichergestellt, die nicht nur nach Wohnraum verlangen, sondern auch noch den Konsum und den Güterfluss ankurbeln. So füllt sich die Schweiz Jahr für Jahr auf mit lichtdurchfluteten Anlageobjekten, Wohnbauten an exklusiver Lage, vielleicht auch noch mit Seesicht - zwar nur noch ganz von ferne - auf jeden Fall aber mit garantierter Mindestrendite. Die Leere, die dazwischen übrigbleibt, das sind die Resträume die mit Gewerbe- und Infrastrukturbauten zugepflastert werden, meistens von einer schon fast prämienverdächtigen Hässlichkeit, ausgehandelt als Kompromiss zwischen Vertretern sämtlicher sich gegenseitig aufhebender Interessengruppen, natürlich unter der korrekten Aufsicht eines Mediators und Gutmenschen, um dann letztlich, nach langem Seilziehen, durch eine hoffnungslos überforderte Verwaltung kurz vor Schalterschluss doch noch bewilligt zu werden.  Hauptsache, es hat genug Robidogs, Absturzsicherungen und Fluchtwegmarkierungen. Das hat dazu geführt, dass sich zwischen dem Genfer- und dem Bodensee ein gigantischer Güselhaufen erstreckt, der bis zuoberst mit genau dem Wohlstandsmüll aufgefüllt ist, von dem wir alle irgendwie leben. Die paar alten städtischen Strukturen, die über die Runden gekommen sind und ein paar wenige gute Einzelbauten ragen wie Webfehler aus dem Filz und sind viel eher Zeugen aus einer anderen Zeit und einer anderen Zivilisation, als dass sie noch als Teile eines Ganzen erkennbar wären. Mit guter oder schlechter Architektur ist diesem Phänomen nicht beizukommen, weil es letztlich den kollektiven Wahnsinn abbildet. Ein Krankheitsbild einer voll durchdemokratisierten Gesellschaft, in der jeder alles kann und alles darf, in der Hierarchien, welcher Art auch immer des Teufels sind, und in der endlich alle gleich und vor allem auch gleich sicher sind. Lieber Benedikt Loderer, vielleicht müssen wir die paar Hüsliweiden, die dem kollektiven Spekulationsdruck standgehalten haben, schon bald zu Nationalparks umwandeln, die uns die Botschaft vermitteln werden: "So ging es zwar auch nicht, aber hier haben einmal Menschen gelebt, die glücklich waren und einen Traum hatten". Und wer es gar nicht mehr aushält, der kann dann ja - dank guter Rentabilität des Güselhaufens - ins Ausland abhauen, dorthin nämlich,  wo es noch billig, leer und schön ist und wo uns die in die Schweiz immigrierten Ureinwohner Platz gemacht haben. Die Fluchtwege sind ja markiert.

30. Juni, 2014
Lic. Phil. Eduard Müller zum Abschied

Nach über 20 Jahren des Wirkens im Kanton Uri geht Denkmalpfleger Eduard Müller in den Ruhestand. Wir nehmen dies zum Anlass für eine kleine Laudatio. Architekten wollen ihre Projekte durchsetzen und realisieren. Das ist eine sehr einfache Übungsanlage, weil sie ihre Projekte immer als die bestmöglichen verstehen. Sie agieren dabei manchmal mehr und manchmal weniger geschickt und hauen auch schon mal ein Stück in Scherben, das eine Preziose war. - Aua! - Leider wächst's nicht nach und flicken kann man's auch nicht, weil es ein Erbstück ist. Vom Denkmalpfleger wird erwartet - dafür stellt ihn die Gesellschaft schliesslich an - dass er über jene baulichen Erbstücke wacht, die als kollektives Allgemeingut einen wesentlichen Bestandteil unserer kulturellen Werte und unserer Identität ausmachen und dass er diese Wertgegenstände vor Übergriffen bewahrt. Nun ist der Denkmalpfleger aber nicht einfach in der Rolle eines Konservators tätig, sondern in einem weitaus komplexeren, ja auch gefährlicheren Umfeld, weil er den Fortbestand seines anbefohlenen Schutzguts auch unter Gebrauch und im Alltag sicherstellen muss. Dahinter stehen natürlich auch handfeste wirtschaftliche Interessen der Eigentümer, die nicht einfach ignoriert werden dürfen, die aber auch nicht das Ein und Alles darstellen.  Das erfordert nicht nur fundierte Sachkenntnisse, sondern auch ein sehr grosses Mass an Sozialkompetenz und Empathie, aber auch einen sehr weit gesteckten Horizont, der nicht am Rande der Fachdebatte endet. Augenmass in jeder Hinsicht. Mit Eduard Müller geht eine Person in den Ruhestand, die auf den diversen Tonleitern dieser Anforderungsskala zu spielen wusste und er hat sich auch nie gescheut, das zu tun. Dabei liess er sich nicht von zu erwartenden heftigen Gegenraktionen leiten, sondern von seiner Überzeugung und seinem Verstand. Eine Auseinandersetzung über ein Projekt wurde mit Eduard Müller immer in Form einer Diskussion geführt, in welcher Argumente und Gegenargumente zählten, und er war auch in der Lage ein Gegenargument zu akzeptieren, wenn es ihn denn überzeugte. Allerdings waren seine eigenen Argumente meistens sehr stichhaltig und schwer zu widerlegen, aber letztlich waren sie meistens auch einleuchtend. Über all die Jahre seines Wirkens hatten wir zahlreiche Berührungspunkte mit Eduard Müller, sei es bei Umbauten und Renovationen von Denkmalpflegeobjekten oder sei es bei Projekten im historischen Kontext oder auch bei städtebaulichen Fragen. Die Diskussion mit ihm war immer sachlich, angemessen und spannend. Die Tatsache einem Kunsthistoriker gegenüberzustehen und nicht einem Kollegen aus der Architektenzunft bereicherte die Debatte noch zusätzlich und hat manchem Projekt eine erweiterte Dimension verliehen, die man vermissen würde, wäre er nicht dabei gewesen. Nach so langer Zeit der Begegnungen im Konsens und ab und zu im Dissens bleibt aber am Ende eigentlich nur Positives haften und es ist uns wichtig, das an dieser Stelle festzuhalten. Eduard Müller war in seinem Amt ein exzellenter Beobachter und Analytiker, der das Wesen eines Ortes und eines Projektes sehr schnell erfasste und die Qualitäten im Guten wie im Schlechten klar zu formulieren verstand, ohne sich gleich als Gestalter in Szene setzen zu wollen. Seine Affinität zu einer gepflegten und präzisen Sprache und seine rhetorische Kompetenz haben das sehr unterstützt, ja waren direkte Markenzeichen seiner Auftritte. Markenzeichen von der guten Art - leider auch von der seltenen. Dass eine Meinungsverschiedenheit und eine Auseinanderstzung um eine Sachfrage niemals ausartete, sondern nach unserer Wahrnehmung immer zu einer guten Lösung führte, von der man sich am Ende als Teil fühlte,  ist aber vor allem seiner Persönlichkeit zu verdanken, die spürbar mit Herzblut am Werk war.  Der Kanton Uri soll ihm dankbar sein. Eduard Müller hat grosse Aufbau- und Unterstützungsarbeit geleistet und Massstäbe gesetzt. Wir bedauern seinen Abgang und wir werden seine Gesellschaft und seine Beiträge vermissen. Wir danken ihm herzlich für die gute gemeinsame Zeit und wünschen ihm für seine weiteren Pläne viel Glück. Max Germann

25. März, 2013
Leere Strassen, leere Köpfe

Wussten Sie schon? In Uri befindet sich eine der leersten Autobahnen der Welt. Über die A2 fahren, wenn es gut geht, gerade einmal 19'000 Fahrzeuge pro Tag. Das sind etwa halb soviele, wie auf einer wichtigen Hauptstrasse oder etwa gleich viele wie auf einer grösseren Quartiersammelstrasse im Kanton Zürich. Während sich die Zürcher darüber freuen, dass es doch auch Menschen gibt, die sich nach Zürich begeben, nehmen die Urner den Zustrom von "Fremden" schon eher als eine Art Naturkatastrophe oder biblische Strafe wahr: "Hilfe, es kommt einer und er ist nicht von hier!" Er frisst nicht nur aus unserem Tellerchen und trinkt aus unserem Becherlein, er verpestet mit seinen Abgasen auch noch unser Lüftlein, das wir doch - mangels anderer Geschäftsideen - so schön mit subventionierter Gülle und Kunstdünger angereichert haben. Gipfel der Frechheit ist aber, dass derselbe Passant es auch noch wagt, gleich weiterzufahren zu unseren Nachbarn, die es sowieso noch viel weniger verdient haben als wir. Bloss, wissen wir noch nicht so richtig, was "es" denn sein soll, aber ungerecht ist es auf jeden Fall. Deshalb müssen wir uns gegen solche Schmach wehren, es denen zeigen, wir, von Uristier und Konsorten. So einfach kommt uns keiner ungestraft ins Tessin. Eine zweite Röhre hätte da gerade noch gefehlt. Wir wollen unseren Stau! Für etwas bezahlen wir ja auch eine Regierung. Recht hat sie, wenn sie sich im Namen des Volks von Uri gegen alles wehrt, was von aussen kommt. Ausgenommen - versteht sich ja - sind natürlich die NFA-Gelder. Verbissen und verbohrt, mit dem Kopf im Sand, mit Volldampf in die Isolation. Die jüngstem Wirtschaftszahlen des Credit Suisse Economic Research (auswärts geschrieben und damit sowieso nicht relevant) beweisen es: Trotz bester Steuerbedingungen, trotz grösstem frei verfügbarem Pro-Kopf-Einkommen, figuriert Uri auf dem viertletzten Attraktivitätsrang der Schweiz. Der Grund liegt in der angeblich miserablen Erreichbarkeit unseres Kantons. Wir haben es geschafft, das Klischee vom ewigen Stau, vom bedrohten Lebensraum und vom Verkehrsinfarkt auf notabene leeren Strassen zu unserem Markenzeichen zu erheben. Bravo! Eine Marketingleistung, die uns nicht so schnell einer nachmacht. Nachhaltig, weil kaum mehr zu korrigieren. Glück im Unglück: Unsere Nachfahren betrifft das nicht mehr, sie wandern sowieso alle ab. Es war schon heller in diesem Lande.

26. November, 2012
Wirtschaftsprognose

Haben Sie auch einen Wetteresel? Zahlreiche Wetterprgnostiker verwenden ihn für ihre äusserst beliebten, aber völlig nutzlosen Vorhersagen. Der Esel, der sich seine Rolle übrigens nicht selber ausgedacht hat, funktioniert folgendermassen: Wenn sein Schwanz nass ist, hat es geregnet, Wenn sein Schwanz weiss ist, hat es geschneit. Das ist zwar noch keine Vorhersage, weil das ja auch ein Laie feststellen kann. Aber es stimmt! Das höhere Fachwissen des Prognostikers setzt erst ein, wenn es darum geht, künftige Entwicklungen vorauszusehen. Was dabei herauskommt, tönt dann folgendermassen: Da der Schwanz des Esels immer noch nass ist, kann nicht ausgeschlossen werden, dass er in den kommenden Stunden wieder trocknet, also ist es durchaus möglich, dass der Regen aufhören wird. Da aber ebenfalls nicht ganz auszuschliessen ist, dass der Schwanz des Esels nicht trocknet, bleiben wir (an dieser Stelle gehen die Prognosen jeweils in die Wir-Form über) vorsichtig, weil dann einzelne Niederschläge in den peripheren mittleren, östlichen südlichen, nördlichen und westlichen Landesteilen durchaus möglich sind. Soweit die Prognose. Da der Esel ausgemietet werden kann, erfreut er sich auch bei Wirtschaftsprognostikern grosser Beliebtheit. Worauf diese beim Esel achten, ist noch nicht klar, er hat ja auch noch markante Ohren. Wenn man die letzte Urner Wirtschaftsprognose der Kantonalbank liest, erkennt man aber immerhin, dass Prognose offenbar vor allem eine besondere Form von Vergangenheitsbetrachtung ist. Es ist äusserst beruhigend, Ende November zu lesen, dass die Urner Wirtschaft im laufenden Jahr ein solides Ergebnis erzielen könne. Wüsste man das nämlich nicht, könnte man ja kaum noch Massnahmen ergreifen um so gegen Ende Dezember, das Ruder herumzuwerfen und die anstehenden Probleme zu lösen. Es erstaunt deshalb auch nicht weiter, dass nach einer längeren Wachstumsphase eine Abkühlung zu erwarten ist. Stellt sie sich nicht ein, ist niemand böse, stellt sie sich ein, hat man sie ja vorausgesagt. Wirklich hilfreich. Zeigt der Trend nach unten, muss auf jeden Fall auch eine Begründung her oder noch besser, ein Sündenbock. Wenn es nicht die Griechen sind, bleiben noch die Spanier oder die Portugiesen. Sie haben sich aber alle etwas abgenutzt. Als konstanter Wert bleibt eigentlich einzig noch die Bauwirtschaft übrig. Auf diese kann man immer eindreschen und das Sätzlein „Bauwirtschaft bremst Wirtschaftswachstum 2013“ fährt beim Leser sicher ein. Dass sie in den vorangehenden Perioden das Wirtschaftswachstum zu einem guten Teil mitgetragen hat, geht geflissentlich unter. Was vor allem aber untergeht, ist die Tatsache, dass sie sich nur an ihrer eigenen Effizienz und Wertschöpfung messen kann. Da hat es die Finanzbranche doch um einiges besser, sie macht ihre Verluste nämlich zu einem guten Teil mit dem Geld der anderen. Dem Esel allerdings ist das egal. Er weiss, dass er in der Baubranche aus Effizienzgründen kaum noch eine Chance hat. Nicht zuletzt deshalb hat es ihn zu den Prognostikern gezogen. Hier sind nicht nur die Konditionen komfortabler, hier sind auch die Konsequenzen von Fehlprognosen prognostizierbar: Es gibt keine.

01. November, 2011
Das ultimative Zentrum

Spangen trägt man im Haar. Mitunter kann man sie sich auch in den Mund schrauben lassen, dann kosten sie aber mehr. Noch teurer werden sie, wenn man sie – wie etwa am Schächen - als Teil eines Verkehrssystems einsetzen möchte. Alle haben sie aber etwas gemein, sie sollen einen ungeordneten Zustand – beispielsweise durcheinandergewirbelte Zähne oder ein Verkehrschaos – korrigieren. Die Korrektur solcherlei Symptome kostet viel Geld, Zeit, Ressourcen, führt zu Meinungsverschiedenheiten und oftmals gar zu Krach.

Welches sind die richtigen Korrekturmassnahmen? Wo soll man ansetzen? Wofür sollen die immer ungenügend vorhandenen Mittel verwendet werden? Erzeugt die Behebung von Missständen wie Verkehrsengpässen noch mehr Verkehr oder was gewinnt die Peripherie, wenn sie näher zum Zentrum rückt? Verkehr? Ist sie dann mehr wert? Solcherlei Fragen treiben uns zur Zeit um und wir haben alle irgendwelche einfachen Botschaften bereit, die immer gleich alle Probleme auf einmal lösen sollen. Natürlich muss es eine Diskussion über das Verhältnis zwischen Peripherie und Zentrum geben, aber der Teufel sitzt nicht nur im Zentrum, er liebt auch die Peripherie! Es gibt nicht nur verschiedene Zentren. Es gibt auch verschiedene Peripherien! Bauinvestitionen sind in diesem Spiel exzellente Zankäpfel. Allerdings sie sind vergleichsweise klein, meistens kosten sie nicht einmal eine Milliarde.

Vergessen wir nicht, was in den vergangenen 30 Jahren in noch ganz andere Peripherien floss, im Land der 140 Krankenkassen, der Unbegabtenförderung, der Strukturerhaltung und der Kuschelkultur. Konzentrieren wir uns also auf den harmlosen Bau! Zum Beispiel auf Ortsumfahrungen und Zubringer, die ja zum Ziel haben, Orte zu umfahren, die Peripherie näher zum Zentrum zu bringen und die Wege dorthin zu verkürzen. Die Ortsumfahrung von Flüelen kostete zum Beispiel etwa 130'000 Franken pro Einwohner. Der Lebensmittelladen im Ort hat inzwischen dicht gemacht. An der Ortsumfahrung hat sich dafür ein international tätiger Grossverteiler breit gemacht, von dem man sagt dass er seinen Mitarbeitern – oder wohl vor allem Mitarbeiterinnen - die tiefsten aller zulässigen Löhne zahle.

Im Dorf ist jetzt Ruhe eingekehrt. Man kann dort jetzt ungestört schlafen; es ist umfahren. Nur umfahren, oder auch abgenabelt und ausgegrenzt? Man kommt jetzt immerhin sehr schnell daran vorbei. Umfahrungen schaffen Peripherie. Peripherie richtet sich zum Zentrum. Aber zu welchem Zentrum? Umfahrungen sind Zubringer für die Zentren. Zubringer sind aber auch Wegbringer. Die Blickrichtung spielt dabei keine Rolle. Wegbringer erzeugen Wegfahrer. Wegfahrer sind Umfahrer. Zwischen der Peripherie und dem Zentrum liegt die Pampa. Die Pampa ist das Auffangbecken der verlorenen Substanz. Sie besteht aus Umfahrungen, Zubringern, Spangen, Bögen, Anschlüssen, Knoten und Kreuzen. Dazwischen sind die Leerräume. Die Leerräume füllen sich mit dem, was die Zubringer weggebracht haben.

Abfluss, Ausfluss, Geschiebe. Genau in dieser Kloake befinden sich aber die meisten Zentren unserer Zivilisation: Einkaufszentren, Sportzentren, Freizeitzentren, Reparaturzentren, Verteilzentren, Kompetenzzentren... alles Pampa. Wo liegen eigentlich die Inkompetenzzentren? Das Zentrum eines Kreises befindet sich bekanntlich in dessen Mitte. Die Mitte aber ist voll, zugerammelt, eingestaut, verstopft. Deshalb muss sie umfahren werden; das Zentrum muss raus aus der Mitte. Es hat sich auf den Weg gemacht. In der Zentralschweiz ist es unterwegs - flussabwärts - inkognito! So genau lässt es sich nicht mehr erkennen. Augenzeugen berichten, sie hätten es kürzlich im Raum Ibach gesichtet, andere reden schon von Emmenbrücke, und wieder andere meinen, es sei bereits unterwegs Richtung Aargau. Dort aber - und das ist unser letzter Trost - befindet sich als einzig sicherer Wert die unwiderrufliche und ultimative Endstation: das Entsorgungszentrum Kölliken.

01. Juli, 2011
Plattgewalzt und sicher

Hurra! Die Gutmenschen haben die Bauverwaltungen erobert und das Leben wird jetzt auch hierzulande und nicht nur in Amerika endlich schöner! Möglich macht uns das eine neue Zunft, die sich rasant und ausschliesslich zu unserem Wohle vermehrt: Die für Sicherheit und geistige Umnachtung zuständige vorausdenkende Eliteeinheit zur Abwendung der Apokalypse. Kein Schweizer - und wenn er noch so dumm ist - soll noch einen Rest von Eigenverantwortung wahrnehmen müssen, wenn er sich im öffentlichen Raum bewegt oder ein Gebäude benutzt. Nichts soll ihm widerfahren können, wenn ihm der letzte Rest von gesundem Menschenverstand - von Erziehung darf schon gar nicht mehr die Rede sein - akut abhanden kommt. Dafür haben wir jetzt ja die Eliteeinheit. Sie denkt und lenkt nicht nur für uns sondern ganz generell auch zum Wohle jedes Vollidioten und wendet jede mögliche Gefahr ab, bevor es sie überhaupt gibt. Man darf sich gar nicht vorstellen, was alles passieren kann. Aber das muss man jetzt ja auch nicht mehr, das tut jetzt die Eliteeinheit von Amtes wegen. Das Erfinden von Gefahren ist zum neuen Wirtschaftszweig geworden. Da werden mit grossem Eifer Schranken, Limiten, Auffang- und Sicherheitsvorrichtungen geschaffen, vorgeschrieben und auch schon kräftig revidiert. Alle zum Nutzen der Bürger. Dabei sind Geländer nie hoch genug, Scheiben nie genug durchbruchsicher, Absätze nie niedrig genug und Rampen nie zu flach. Hinweisschilder in möglichst grellen Farben weisen denn auch auf mögliche Gefahren hin, die bei der Benutzung eines Gebäudes auf einen lauern. So könnte ja bei Ausbruch eines Feuers plötzlich nicht mehr klar sein, dass eine Türe eine Türe ist und eine Treppe eine Treppe. Also schreibt man das lieber schon mal hin. Da aber nicht alle lesen können, erfindet man besser auch noch gleich ein Piktogramm dazu. Achtung, Glasdach nicht betreten! Vorsicht, abstürzender Blumentopf! Kein Trinkwasser im Pissoir! Absturzgefahr beim Betreten des Dachgesimses! wären alles noch erträgliche Hinweise. Besser aber, man verhindert das gleich von Anfang an und versperrt, verbarrikadiert und schrankt ab, schreibt nicht nur vor, sondern saniert auch gleich noch alles, was Jahrhunderte überdauert hat. Dass dabei nicht nur ein bisschen Sicherheit geschaffen wird – und dies ohnehin meistens am falschen Ort – sondern auch Vieles, das sich bewährt hat und Teil unseres kulturellen Erbes und unseres Zusammenlebens ist, nun einfach gedankenlos plattgewalzt wird, weil die Gesellschaft nach falscher Sicherheit lechzt, das scheint niemanden zu kümmern. Dass dabei eine ganze Industrie im Hintergrund ganz schön abkassiert ist nur ein Nebeneffekt. Die Diskussion darüber wird wohl erst geführt werden, wenn es zu spät ist, nämlich dann, wenn auch das letzte Tessiner Bergdorf normenkonform saniert, jeder Trottoirrand mit einer EU-kompatiblen Absturzsicherung versehen und die Schweiz endgültig vereinheitlicht, plattgewalzt verbarrikadiert und idiotensicher ist. Jeder Kultur ihre Ikone! Dann werde ich das Gefahrenschild, dass der Boden aufreissen und mich der Teufel holen könnte, endgültig missachten.

01. Februar, 2011
Raumkonzept Schweiz

Gerade noch einmal Glück gehabt, aber nicht wirklich. Das Raumkonzept Schweiz ist eine neue Initiative des Bundes, der Kantone, der Städte und der Gemeinden, die zwar keinen Rechtsstatus hat, die aber immerhin ein breit beachtetes Diskussionsforum darstellt, das sich dem Thema Raumordnung oder vielleicht besser, Raumunordnung in der Schweiz annimmt. Falls wir in Uri neben Horenschlittenrennen und Kleinviehprämierungen denn einmal Zeit finden, den Tatsachen ins Auge zu schauen stellen wir überrascht fest: Die Welt verändert sich und mit ihr verändert sich die Schweiz. Oder genauer: Neu darf plötzlich darüber geredet werden, welche Siedlungsräume in diesem Land zukünftig noch unterstützt werden und welche nicht. Dass Uri beim damit verbundenen Verteilkampf in der dritten Liga spielt, zeigt die Karte. Dass es noch eine vierte Liga gibt, ist ein schwacher Trost, in diese kann man nämlich jederzeit absteigen. Ein ländliches Zentrum am äussersten Rand der Dunstwolke, die sich Metropolitanregion Zürich nennt, ein alpines Tourismuszentrum ohne Kern und zwischendrin und drumherum viel Leere, Altdorf ein kleiner roter Punkt, isoliert allerdings und im Gegensatz zu Schwyz ohne Verbindungslinie zu Zürich. Das alles bildet das derzeitige Urner Portfolio im Spektakel um den Siedlungsraum Schweiz, der im Hinblick auf die bevorstehende Bevölkerungszunahme an Lautstärke noch zulegen wird. Wir Urner haben zwei Möglichkeiten, damit umzugehen. Die erste ist altbewährte Politik. Sie entspricht dem Normalverhalten eines Gockels auf dem Hühnerhof, wenn sich der Fuchs verzogen hat: Er bläht sich vor seinen Hühnern auf und er kräht aus Leibeskräften, damit ihn alle hören. Das imponiert zunächst den Hühnern im eigenen Käfig, vielleicht dringt es sogar zum Bauern vor, aber draus-sen schert sich der Fuchs einen Deut darum. Er wird wiederkommen, weil das ein Naturgesetz ist. Zurück zur Raumordnung: Es ist symptomatisch, dass Randregionen - Uri ist da nicht allein - solcherlei Anliegen stets nur den Ruf nach Strukturerhaltung entgegensetzen und alle politischen Register ziehen, damit sich so wenig wie möglich, verändern möge. Sie bekamen bisher recht. In der Schweiz mag man dieses Geschrei nicht und schüttet es in der Regel mit Geld zu. Das geht solange, bis letzteres knapper wird, bis andere lauter schreien, bis eine Güterabwägung auf höherer Ebene, ausserhalb des Hühnerhofs, stattfindet. Dann kommen die Fakten und die Frage nach der Effizienz des Mitteleinsatzes auf den Tisch; wo oder wie die meisten vom Einsatz eines Frankens profitieren, der wie immer nicht in der Randregion verdient wurde. Das führt zur zweiten Möglichkeit: Hausaufgaben machen, fokussieren, Wichtiges und Unwichtiges unterscheiden. Die Giesskannenepoche (UKB in Ehren) geht zu Ende. Für Uri gilt im Kleinen, was für die Schweiz im Grossen: Die Strukturen sind zu hinterfragen. Es muss erlaubt sein, darüber nachzudenken, wie das bisschen Zentrum, das wir haben, gestärkt und mit der Welt verbunden werden kann, und es ist Uris Pflicht, Ideen zu entwickeln, wie denn eine zunehmende Leere zu bewirtschaften sei, eine Leere die sich in Zukunft noch verschärft einstellen wird. Massnahmen gegen den Substanzverlust werden zwar schon seit langem in vielen Kreisen diskutiert, aber kaum umgesetzt, und wenn, dann meistens zu spät und in verdünnter Form, in homöopathischen Dosen, zahnlos. Das hängt oft damit zusammen, dass jeder denkt, der andere soll. Vielleicht hat es aber auch damit zu tun, dass wir - Gruss vom Hühnerhof - gerne dasselbe tun, was die anderen Hühner auch machen: Gackern. Solange wir aber nur dieselben Positionen beziehen, wie andere Betroffene und nur dieselben Massnahmenpakete umsetzen, werden wir wenig oder nichts erreichen, weil wir nicht genügend Ressourcen haben, um die zahlreichen Mitbewerber aus dem Feld zu schlagen. Als sei Leere nur ein negativer Begriff! Warum schauen wir nicht einmal vom andern Ende her durch das Rohr, vom nicht ausgeleierten Standpunkt aus? Der Naturpark ist in Uri für die nächsten tausend Jahre zwar vom Tisch, aber das ist weiter nicht schlimm, er wird sich selber einstellen. Wichtiger ist, dass wir uns entscheiden, was wir mit dem engeren Siedlungsraum, dem Talboden, anfangen wollen. Noch in den sechziger Jahren war er weitgehend leer. Jetzt wächst er langsam zu. Auch das können wir nicht rückgängig machen, aber wir sind aufgerufen, uns mit der Qualität dieses Zuwachsens auseinanderzusetzen und uns endlich von der Raumpolitik der Einzelinteressen zu verabschieden. Das ganze Mittelland der Schweiz verkommt zusehends zu einer verslumten Gewerbezone. Das ist nichts als die Vorstufe zu einem gigantischen Güselhaufen und es lässt sich mit Argumenten wie Wertschöpfung und Arbeitsplätzen nicht schönreden. Wir sind längst angesteckt. Wer das nicht glauben will, laufe mit offenen Augen vom Rynächt nach Seedorf. Der Raum ist futsch, wo bleiben die Werte? Das Raumkonzept Schweiz und der Entwicklungsschwerpunkt Bahnhof Altdorf bilden Ausgangspunkte für eine Diskussion, die vor vierzig Jahren hätte beginnen müssen. Es ist nie zu spät, der Raum verändert sich permanent. Aber es verändert sich auch die Wahrnehmung. Das Raumkonzept Schweiz, die dazugehörenden Karten sowie weiterführende Informationen zum Thema finden Sie hier.

01. März, 2009
Das Schweizer Baugeheimnis ist nicht gefährdet

Weil es nicht existiert. Es mag ja durchaus zutreffen, dass im Bausektor da und dort eine Auftragsvergabe oder ein Landhandel im Geheimen abgewickelt wird oder nicht ganz gesetzeskonform ab-läuft, dass Preise abgesprochen werden oder dass eine Bewilligung auf eher wundersame Weise zustande kommt; aber auf ein institutionalisiertes Geheimnis kann sich die Bauwirtschaft nicht berufen. Wenn Machenschaften ans Licht kommen, die im Geheimen ausgehandelt und hinter verschlossenen Türen umgesetzt werden, geht im Gegenteil jeweils ein grosses Geheul durch die Medien und eine Meute von Philistern und Saubermännern wird in der Folge nicht müde, die Bauwirtschaft als Ganzes an den Pranger zu stellen und zu bekräftigen, dass sie strukturschwach, ineffizient und von geringer Wertschöpfungskraft sei. Klar ist auch, dass sie ohnehin von korrupten Mächten gesteuert wird. Komisch und schon fast etwas anachronistisch ist dabei allerdings, dass sich die Landesregierung in solchen Fällen nicht sofort berufen fühlt, die Aufdeckung derartiger Machenschaften als Angriff auf die Schweiz zu verkaufen und dass es eigentlich auch nicht – oder vielleicht noch nicht – Brauch ist, einem schleudernden Planer oder Bauunternehmer ein paar Millionen nachzuwerfen, weil er gerade ein schmieriges Geschäft abgewickelt hat. Es reisen dann jeweils auch keine Minister nach Niederbipp oder Leukerbad und die TV-Arena verpasst das Thema regelmässig. Es ist mir eigentlich auch noch nie passiert, dass mir eine staatliche Institution, etwa eine nationale Immobilenagentur meine aussichtslosen und verspekulierten Projekte abgekauft hätte und nun versucht, sie auf eigenes Risiko an dumme Dritte zu veräussern. Hängt das damit zusammen, dass sich die Qualität der Schweizer Archi-tektur nicht über die Saläre der Architekten definiert? Oder liegt es daran, dass sie auch dann Bestand hat, wenn geheime Dinge plötzlich publik werden und den Schmuddlern das Handwerk gelegt wird? Staatlichen Sukkurs erhält nur, wer etwas geheimhalten muss, weil er sonst unterginge (will heissen, offenbar nichts anderes zu bieten hat). An ihrer minderprivilegierten Situation ist die Bauwirtschaft allerdings selber schuld. Sie muss ja auch immer wieder hören, dass sie nicht kommunizieren kann. Sie hat es leider unterlassen, eigene Bauwirtschaftsprognostiker aufzubauen, denen die Öffentlichkeit jeden Mist glaubt, und denen sie jeden Blick zurück als Prognose abkauft, selbst wenn es sich um derart tiefschürfende Erkenntnisse handelt, wie die jenes Wetterpropheten, der feststellt, dass der Schwanz seines Esels nass sei und es darum wohl geregnet haben müsse. Es ist ihr zudem auch nicht gelungen, die Medien unkritisch und süchtig, nach neuen Meldungen vom Esel zu machen. So bleibt es denn auch unbemerkt, wenn weiter festgestellt wird, dass es inzwischen nicht mehr regne und der Schwanz des Esels zur Freude aller in der nächsten Zeit wahrscheinlich trocknen werde, was ja eine echte Voraussage ist, abgestützt auf scharfe Beobachtung der Entwicklung und professionelles Datenmanagement. Schade um das vergeudete Know-how. Anlass zu diesen rein spekulativen Gedanken, die natürlich frei erfunden sind und mit Ereignissen in der realen Welt in keinerlei Zusammenhang stehen, ist ein bemerkenswerter Artikel eines Chefökonomen aus Basel, der kürzlich einmal mehr dargetan hat, dass die geringe Wertschöpfung der Bauwirtschaft ihr eigentliches Problem sei, und dass sie die Kennzahlen der Finanzwirtschaft natürlich niemals erreichen werde. Damit trifft er voll ins Schwarze. Die Medien bestätigen es täglich. Mein Haus steht immer noch, aber es hat nur eine einstellige Performance. Allerdings kann ich jeden Tag darin wohnen und fühle mich wohl dabei. Ich glaube, ich muss meinem Esel den Bonus erhöhen.

01. Januar, 2009
Der Zulu und die Minergie

Zuerst die schlechte Nachricht: Barbie und Ken haben sich getrennt. Ken landete im Altersheim und Barbie treibt es jetzt mit einem anderen. Es ist ihnen nicht gelungen, die Welt zu retten. Und nun die gute: Zum Glück gibt es noch die Schweizer! Die Kaffeerahmdeckeli sammelnde Nation spart nämlich fast im Alleingang die ganze Energie, die der Menschheit auszugehen droht, und zwar wie folgt: Zunächst braucht sie dazu einen Lebensstandard, der auf diesem Globus wohl kaum noch zu übertreffen ist. Sowohl in materieller wie in ideeller Hinsicht stehen wir Schweizer dabei auf dem Siegerpodest. Wir sind denn auch nicht nur am reichsten, nein wir sind auch am sichersten und vor allem am saubersten. Trotzdem will sich das finale Glücksgefühl nicht vollständig einstellen, denn dazu gehört etwas, das uns ganz besonders am Herzen liegt und nach dem wir uns richtiggehend verzehren: Wir wollen von den anderen geliebt werden. Micheline gibt sich in dieser Hinsicht zwar voll aus, aber sie schafft das trotz dem Tragen von Kopftüchern oder vielleicht bald auch einmal einem Baströckchen nicht ganz alleine. Wir müssen ihr helfen. Deshalb wollen wir der Menschheit beweisen, dass wir nur Gutes tun und so wenig Energie verbrauchen wie keine andere Nation. Nur schon deshalb muss man uns einfach gern haben. Im Kleingedruckten steht dann allerdings, dass sich das auf einen (lausigen!) Quadratmeter Wohnfläche pro Kopf bezieht, und da bei uns die Köpfe immer seltener werden und die Quadratmeter immer zahlreicher, läuft das in die falsche Richtung. Aber das brauchen wir dem Zulu ja auch nicht auf die Nase zu binden, weil das bei dem ja etwas ganz Anderes ist. Der ist nämlich mit viel weniger zufrieden und würde sich bei uns gar nicht richtig wohl fühlen; der wäre mit den vielen Quadratmetern bei seinem einzigen Kopf nämlich richtiggehend überfordert. Und vom Energiesparen versteht der schon mal gar nix. Energie kann man nämlich sowieso nur sparen, wenn man auch genug verbraucht, sonst würde sich das gar nicht lohnen. Man stelle sich einmal vor, wir hätten auch so eine Hütte wie unser Zulu mitten in der Wüste und möchten zur Rettung des Planeten nun einmal richtig Energie sparen. Das ginge gar nicht, die Hütte hat ja nicht einmal einen Stromanschluss; an Technologie, Know-how und Logistik gar nicht zu denken. Nein, das setzt schon etwas mehr voraus und verlangt auch die entsprechende Bereitschaft und den nötigen Sparwillen. Es ist das Verdienst unserer Politiker, dass uns die Augen in jüngster Zeit erst recht aufgegangen sind. Unsere Gebäude verbrauchen immer noch zuviel Energie und dieses Übel beseitigen wir jetzt nachhaltig. Wir verdoppeln die Wärmedämmstärken und senken den Energieverbrauch pro Quadratmeter Energiebezugsfläche auf die Hälfte. Die damit verbundene Erstickungsgefahr haben wir mit Lüftungsanlagen voll unter Kontrolle und die schalltechnischen Implikationen sind dank einer Verdoppelung der Deckenstärken ebenfalls gebannt. Schädliches Kondenswasser an den Fensterscheiben, das etwa durch unkontrolliertes Ausatmen oder eine feuchte Aussprache entstehen könnte, lässt sich durch eine Erhöhung der Anzahl Fensterscheiben auf mindestens drei ebenfalls ausschliessen und der Gefahr akuten Bewegungsmangels, die sich aufgrund der totalen Gebäudeautomation einstellen könnte, begegnen wir durch tägliches Training im gebäudeeigenen Fitnessraum mit Whirlpool und Bräunungsapparat. Zweimal im Jahr fliegen wir zur Erweiterung unseres Horizonts auch in die Wüste zum Zulu und sind leicht irritiert ob der Sorglosigkeit, mit der er seine Bierdosen einfach hinter die Hütte schmeisst und wahrscheinlich nicht einmal weiss, wie viel Energie die Herstellung einer solchen Aludose verbraucht. Danach kehren wir mit der Genugtuung des Wissenden nach Hause zurück. Der Zulu allerdings ist nicht im Geringsten irritiert über die Sorglosigkeit, mit der wir uns in unser wohlgeordnetes, wärmegedämmtes, kontrolliertbelüftetes, schockgeprüftes Panzerhaus setzen. Ihm fehlt einfach die notwendige Schule der Wahrnehmung und das Bewusstsein für das Höhere, denn er sieht darin nichts anderes, als einen gigantischen Müllhaufen. Und damit liegt er nicht ganz falsch, denn es ist alles nur eine Frage der Zeit.

01. Dezember, 2008
Kunst und Kunde

Kürzlich stürzte wieder einmal ein Parkhaus ein. Kann ja passieren. Passiert aber in letzter Zeit vermehrt. In der Zeitung ist dann geraume Zeit später jeweils zu lesen, dass die Gerichte nach langen Nachforschungen herausgefunden haben, dass die Regeln der Baukunde verletzt worden seien. Früher, als noch nach den Regeln der Baukunst gebaut wurde, stürzten die Parkhäuser und auch die anderen Häuser nicht so schnell ein. Sie wurden aber auch nicht von Baukundigen gebaut, sondern von Leuten, welche die Kunst des Bauens beherrschten. Ihre Auftraggeber waren auch nicht bloss Investoren, sondern Bauherren. Tragisch ist die Kunde von den verletzten Regeln der Kunde natürlich deshalb, weil dabei auch Menschen zu Schaden kamen oder sogar ihr Leben verloren. Die Reduktion dessen, was einst eine Kunst war auf eine Kunde verdanken wir allerdings nicht den Baukünstlern, sondern den Erfindern und Verwaltern der Wirtschaftskunde und der Rechtskunde. Das ist weiter auch nicht verwunderlich, es gibt nämlich weder eine Rechtskunst noch eine Wirtschaftskunst. Letzteres wissen wir spätestens seit der Finanzkrise. Nun ist das aber noch lange nicht das Ende der Fahnenstange. In letzter Zeit begegnen uns in den Medien in zunehmender Auflagezahl ja auch noch Ungeheuer wie "Datenarchitekturen" und Architekten von politischen Gesprächsrunden. Da wird es mir dann endgültig unheimlich. Von diesen müssen wir nämlich annehmen, dass sie bestenfalls den Regeln irgend einer Kunde verpflichtet sind und wohl kaum einer Kunst. Mir jedenfalls ist es noch nie passiert, dass ich einen Datenabsturz als Katharis empfunden habe, sondern wohl eher als Abortus totalis oder in Begriffen der Wirtschaftskunde, als Bankrott - geistigen, natürlich. Beruhigend zu wissen, dass meine Haare noch von einem Coiffeur und nicht von einem Haararchitekten geformt werden. Sollte der jemals die Regeln der Frisierkunde anrufen, würde ich mich natürlich sofort an einen wenden, der die Frisierkunst beherrscht.

01. Juni, 2008
Aus der Sicht eines Krokodils, das sich überlegt, Vegetarier zu werden

50 Jahre CRB und sein Jubiläumsbeitrag zur Ökologie

Nun, das mit der Ökologie ist so eine Sache. Wir leben im Zeitalter von Lifestyle, Megatrends und Corporate Governance. Wer etwas gilt, fährt einen Zwölfzylinder. Was will da eine Bauwirtschaftorganisation, die stocktrockenes Grundlagenmaterial für die Leistungsbeschreibung im Bauwesen feilbietet - zur Zeit übrigens in einer grässlich veralteten Computerversion - mit einem Zusatzbeitrag im Bereich der Ökologie? Stocktrockenes Grundlagenmaterial, jetzt auch noch aus der Holzschatulle mit Bachblütentherapie? Das interessiert kein Schwein und es lässt sich - globale Erwärmung und Energieverknappung hin oder her - auch nicht obrigkeitlich verordnen. Dabei haben wir Schweizer ja fast alle einen verkappten Helfertrieb. Das ist schon schlimm genug. Noch grässlicher wird es aber, wenn wir Gelegenheit bekommen, ihn auszuleben. Mich beschleicht immer ein heimliches Unbehagen wenn ich die armen kleinen Kinder sehe, die von einem Ökopapi im ultraleichten Velowägeli in ca. 50 cm Abstand von der Fahrbahnoberfläche - also just auf der Höhe, wo die Abgase aus den Auspuffen strömen - zwecks Energieerparnis durch unsere Innenstädte pedalt werden. Wahrscheinlich müssen die zuhause in eine Flasche furzen, das ist pures Methan, energetisch wertvoll. Keiner zu klein, Ökofundi zu sein und vor allem, den anderen vorzumachen, wie es denn sein sollte. Mich ökt das an. Wir von der Bauwirtschaft sind in diesem Zusammenhang natürlich die Schlimmsten. Spätestens seit die zuständige Bundesrätin auch in unsere Richtung augenrollt wissen wir es: Wir müssen... Ächz! Wärmebedarfsberechnung, Energienachweis, Luftdurchlässigkeitswiderstand, Windschlüpfrigkeitsziffer, Sonneneinstrahlungsbilanz, Radongehalt, Wärmerückgewinnung, nichtionisierende Strahlung, Elektrosmog, passive Sonnenenergienutzung, Energiebezugsfläche, Minergie, kontrollierte Lüftung, etc. Nur eine kleine Auswahl aus dem Repertoir guter Taten, die wir absolut freiwillig und aus purem Interesse an der Sache begehen. Warum sterben wir eigentlich alle trotzdem? Wenn CRB einen wirklich guten Beitrag leisten will, dann soll das ein Hochseilakt werden. Respekt vor der Natur und verantwortungsbewusstes Handeln sollten nicht als Extratour, verordnet von staatlichen Verwaltungsabteilungen, die mehr oder weniger schlauen Fundis auf den Leim gekrochen sind, verordnet werden. Sie sollten selbstverständlich sein und ganz automatisch unser Handeln lenken. Es dürfte keine Ökohäuser mehr geben und kein energiesparendes Bauen aber auch keine umweltverträglichen Baustoffe. Alle diese Labels grenzen die Anderen nämlich immer gleich aus. Es gibt die Guten, die Minergiezertifizierten und die andern, die dann jeweils die Verbrecher sind. So führt das nie zu einem schlauen Ende. Was wir brauchen ist nicht nur Fachwissen, was wir brauchen sind mehr Einsicht, mehr Verstand und vor allem eine viel bessere Kommunikation. Bauen sollte per se und von allem Anfang an alle diese Handlungsweisen in sich einschliessen. Das ist primär eine Frage der Weltanschauung und der Erziehung. Genauso, wie die Kategorien Utilitas, Venustas und Firmitas Grundwerte der Architektur darstellen, sollte auch das Bekenntnis zur Nachhaltigkeit - meinetwegen als vierte Kategorie - in unser Credo einfliessen. Wenn es gelingt - und hier sollte die Diskussion ansetzen - die Nachhaltigkeit vom Ökofundi-Image zu befreien und in die Grundverhaltensmuster jedes Planenden einzubauen, ist der Weg frei für den Einsatz von Verstand und Lust. Vor allem Lust. Die fehlt leider noch weitgehend und der derzeit praktizierte Umgang mit diesen Themen erinnert weit mehr an die Inquisition als an den Garten der Lüste. Warum muss denn alles so verkrampft daherkommen? Hier sollte die Denkarbeit des CRB und der hochkarätigen Leute, die es sich für das Jubiläum leistet, ansetzen. Dann wird das vielleicht doch noch was, sagt sich das Krokodil und frisst vorsichtig seinen Salat.